_________________
BIRGIT BACHMANN

enigma liberta

Kartoffelbahnen

Bei Birgit Bachmanns Installation «Die dritte Haut» geht es um ein Haus,
jedoch nicht im architektonischen Sinne. Derbaukünstlerisch-gestalterische
Aspekt bleibt bei ihr ausgeklammert.
Ausgangspunkt zum Thema «Haus» ist für die Künstlerin vielmehr die
Häuslichkeit als zentrales Merkmal menschlicher Existenz. 

Denn für Bachmann ist ein Haus viel mehr als nur eine praktisch nutzbare
architektonische Hülle, es geht um Utopien und um existenzielle Befindlichkeiten.
Das im Außenbereich aufgestellte Haus steht im Grunde als
Allegorie für die menschliche Befindlichkeit, das Haus stellt die
dritte Haut des Menschen dar. Diese Rauminstallation symbolisiert
die Sehnsucht nach Sicherheit, nach Geborgenheit und nach dem Behaustsein.
Gleichzeitig deutet dieses Konstrukt auch darauf hin, wie zerbrechlich
und ambivalent die vermeintlichen Systeme und die sogenannten «Sicherheiten» sind.
Verlässt man den (für die meisten Menschen) geschützen
mitteleuropäischen Raum, so wird schnell deutlich, wie filigran
die Sicherheit eines eigenen Heims ist. Ein Heim, ein Haus, eine
Haut, die schützt und in die man sich zurückziehen kann ist
für viele keine Selbstverständlichkeit, allzuoft nicht einmal ein
Möglichkeit. Künstler haben schon immer wieder utopische Visionen artikuliert
und phantastische Gebilde geschaffen. Ohne Utopie sei der
Mensch ein Lebewesen ohne Transzendenz, schrieb einst Max
Frisch. Bachmanns «Flugsamen», die gezeichneten
Bilder auf den Häusern, enthalten im Grunde ihre Utopie: die 25 kleinen
Häuser, die mit den Giebeln nach unten in unterschiedlichen
Höhen hängen, sind «noch nicht angekommen», sie sind im
Samen-Stadium begriffen, sie sind noch auf dem Wege. Diese
«Flugsamen» haben noch keine Wurzeln geschlagen, haben
noch keinen Platz zum Wachsen gefunden, sie hängen wortwörtlich
in der Luft… Häuser befinden sich gewöhnlich an einem
ganz konkreten Ort, haben einen Topos, diese «Flugsamen»-
Häuser sind jedoch a-topisch und utopisch zugleich.
In ihnen widerspiegelt sich die Hoffnung und die Lebensenergie
der Künstlerin aus Gmünd, die ihre Arbeit folgendermaßen
untermauert: «Viele Menschen sind unterwegs, auf der Flucht – und immer
noch zu vielen gelingt es nicht einmal ihre ‹erste Haut›, das
Leben, zu retten.»
Und viele weitere bemühen sich verzweifelt mit ihrer Haut
das eigene Leben zu retten – sich zu verkaufen, um etwa eine
Überfahrt zu bezahlen, die Kinder zu ernähren, die Daheimgebliebenen
zu versorgen. In der Tat geht Birgit Bachmann
vieles, was heute in der Welt passiert, «unter die Haut», denn
Migration, der Blick zu und der Wechsel in andere Gesellschaften
ist ein großes Thema für sie; das viel zu wenig Aufmerksamkeit
erhält, abseits von Schlagzeilen über ertrunkene,
auffällige oder abgeschobene Migranten.


Die Buntstiftzeichnungen auf Papier, die diese fliegenden Häuser wie
eine Epidermis umfassen, sowie auch die groß angelegten Zeichnungen,
beweisen einmal mehr das große grafische Können der Künstlerin.
Die ausgestellten Bahnen (Zeichnungen auf Transparentpapier)
ergeben ein großes Kartoffelfeld. Es handelt sich um Inverszeichnungen
von Kartoffeln unter der Erde, gesehen aus der Maulwurfperspektive.
Die Kartoffel ist ein Leitmotiv in der Kunst von van Gogh bis Sigmar
Polke. Oft wird sie als Sinnbild für Nahrung, Überleben und für ein
bescheidenes Dasein verwendet (siehe: van Goghs «Kartoffelesser»),
taucht aber immer wieder auch mit anderen Konnotationen auf. Sie
beflügelte Dichter, Denker, Maler und Zeichner. Auch Birgit Bachmann
hat ihren «Kartoffelacker» geschaffen. Für sie ist die Kartoffel weniger
als Grundnahrungsmittel, das es in unseren Breitengraden ja ist, von
Bedeutung, sie ist viel mehr ein Symbol für Migration, für die Auflösung
von Grenzen und ein Beweis dafür, wie wichtig es ist, andere
Kulturen zu kennen und zu respektieren.
Die Odyssee der Kartoffelpflanze, die es im 16. Jahrhundert von Südamerika
über die Kanarischen Inseln nach Spanien geschafft hat, ist die
Geschichte einer Migration anderer Art. Sie ist ein Sinnbild für Ein-, Aus-,
Zu- und Abwanderung.


________________
SOFIA GOSCINSKI


Altar/Antisocial


Ein klassischer Flügelalter, ein religiöses Symbol des Christentums, doch statt ein figuratives Szenario zu offenbaren, eröffnet er eine schwarze, glänzende Leere ergänzt mit dem Spiegelbild des Betrachters. Er selbst tritt an die Stelle der Heiligkeit. Der Glaube an eine höhere Macht scheint verloren, allein ist der Narziss mit seinem Spiegelbild. Eine Metapher auf eine Gesellschaft, süchtig danach die Welt mit Selfies zu fluten. Egal wo, egal wann, das Selbstbildnis muss gepostet, geliked und geteilt werden. Ob bei der Nahrungsaufnahme, vor dem Hintergrund der Pyramiden, der Niagarafälle, des Doms am Hauptplatz der besuchten Stadt, küssend, lächelnd, die Sehenswürdigkeit auf der Handfläche, der sich ablichtende beherrscht das Bild und die Welt tritt als Kulisse in den Hintergrund. Wie schnell der Narzissmus überhand genommen hat, zeigt diese Gesellschaft beherrscht von Selbstdarstellung. Der Renaissancegedanke der Mensch sei das Zentrum der Welt hat mit Hilfe der "sozialen" Netzwerke seinen Zenit erreicht.


Führt diese Entwicklung nicht unausweichlich zu einer antisozialen Verhaltensform?
Sind soziale Netzwerke nicht vielleicht der Nährboden für eine Gesellschaft, die mit nichts anderem beschäftig ist, als sich selbst permanent und im besten Licht darzustellen? Kann man heutzutage noch an die Geschichte glauben, die jeder einzelne in unzähligen Bildern und Videoclips behauptet erlebt zu haben, oder an die Persönlichkeit, das präsentierte Profil auf Facebook, Twitter, Instagram, Tinder und den vielen weiteren Möglichkeiten sich so darzustellen wie man gerne sein möchte aber definitiv nicht ist? 


Diese Fragen stehen dem Altar gegenüber. Krakelig geritzte Oberfläche eines super high gloss Fotopapiers, wie es in Hochglanzmagazinen und zu Werbezwecken und in diesem Sinne zur Verfälschung und Entfremdung verwendet wird. Auch hier wieder gähnendes, schwarzes hochglänzendes Nichts, dass den Betrachter spiegelt, bis auf die verletzen, aufgekratzten Stellen, die der Oberfläche ihre Perfektion rauben und das Selbstbildnis durch den Begriff Antisocial Personality Disorder in einen zweifelhaften Kontext rücken.

______________
OLIVIER HÖLZL


Videoinstallation

Bedächtig stapelt der selbst-ernannte „Furious Pete“ Cheeseburger, um Cookie, um Chicken Nugget übereinander, um schlussendlich vor einem regelrechten Burger-Turm zu stehen zu kommen. In unter fünf Minuten verschlingt er über 5000 Kalorien; ein Essen, das er zuvor für 15 US-Dollar via Gegensprechanlage bei McDrive geordert hat. Nach erfolgreichem Verzehr bittet er sein Publikum – die YouTube-Community – das Video zu liken oder ihm Ideen für neue Herausforderungen zu senden. Mit dem Aufruf „Stay sexy, stay hungry, get laid!“ beschließt er seinen Beitrag.

Die Bilder, die auf Furious Pete’s YouTube-Kanal gezeigt werden, sind fern jeglicher Alltagsrealität. Der offensichtlich fitness- und körperbewusste, durchtrainierte und braungebräunte junge Mann verschlingt innerhalb kürzester Zeit einen wahrhaften „Berg“ an Nahrung alleinig zur Unterhaltung seines Publikums. Vorrangig ist das Extreme, die Übersteigerung, die Überschreitung.


In Olivier Hölzls Installation „Sane is boring,“ die in der Jan Arnold Gallery gezeigt wird, sind zwölf Videoscreens in Rasterformation angeordnet. Eine Hälfte der Monitore zeigt Video Stills, die der Künstler von YouTube-Beiträgen gemacht hat. Die anderen Screens spielen nacheinander ausgewählte Videos von der Plattform ab. Wie online, wo eine Reihenfolge als „Empfehlung“ automatisch generiert wird, führt auch hier ein Video zum nächsten. Hölzl durchbricht jedoch diesen digitalen Algorithmus. Durch seine Auswahl forciert er den Blick auf bestimmte Motive und Themen. Dabei macht er deutlich, wie wenige Klicks zwischen einem Video über das fetischhafte Formen des eigenen Körpers und einem zur spaßhaften Zerstörung eines Iphones – dem Kultprodukt schlechthin – liegen. Vom Wettkampf Burger-Fressen zu Waffenschießübungen auf Torten zeigt er die Absurditäten und Fetische unserer Konsumgesellschaft auf. Was die Sujets von Körper, Essen, bis hin zu Waffen eint, ist eine gemeinsame visuelle Sprache und Ästhetik, die von einem anonymen Publikum global verstanden und konsumiert werden kann.


Durch Selektion und Gegenüberstellung steckt Hölzl ein Feld ab, das die Ränder und Extreme unserer Gesellschaft markiert. Denn die Videos zeigen keine „normalen“ Situationen; sie wurden geschaffen, um Aufsehen zu erregen. Hölzls Choreografie gibt eine Ahnung von den schier endlosen, undurchsichtigen Weiten dieser virtuellen Welt, die unser Alltags- und Konsumverhalten immer mehr zu bestimmen scheinen. Die Mitteilung und Botschaft von Inhalten erfolgt über Bilder, deren Verbreitung horizontal und flächendeckend erfolgt. Das visuelle Medium löst hierbei zunehmend die Schrift als primären Informationsträger ab.


Auch im Galerieraum findet sich der Betrachter einer Bilder-Wand gegenüber. Die einzelnen Monitore wechseln sich dabei zwischen Videos und Stills ab. Manchmal startet ein Video und gibt eine Geschichte wieder; manchmal bleibt das Bild unverändert und unbewegt und der Betrachter wartet vergeblich auf ein lustiges, schockierendes oder befremdliches Video. Die Lesbarkeit ist aber stets gegeben. Selbst angesichts zwölf Monitore sind wir es gewohnt, mit dieser Bilderflut umzugehen und sie zu verarbeiten. Der digitale „Kanal“ wird zum ungefilterten allgemeinen Sprach-Rohr, das wir rezipieren. „Sane is boring“ kündet bereits im Titel an, dass „normal,“ „bei Verstand“ sein, hier nicht mehr gefragt ist.  Erst das stete Weiter, Höher, Länger und vor allem Härter wird von einer anonymen Masse wahrgenommen und gesehen – oder eben geliked.

Text: Kristina Schrei


Sprühfarbe auf Medium

Eine Cloud an Elektro-Müll. Alte und defekte Geräte, die nicht mehr reperiert werden wollen sammeln sich zu unvorstellbaren Massen. Unausdenkbare Massen an Daten sammeln sich in der Cloud, im Netz, daheim am Rechner. Unantastbar. Aus dem Auge aus dem Sinn? Reicht ein Klick um eine Erinnerung wieder herzustellen? Oder landet sie mit den alten Geräten am Müll?


_______________
ANDREAS NADER

The Thin Line

Wahrnehmung- und Orientierungsverschiebung aufgrund von neuen Technologien ist Ausgangspunkt der Arbeit. Landkarten werden durch Navigationssysteme ersetzt.

Dadurch entsteht eine andere Art der Lesbarkeit. Die Landkarte als abstrakte Grafiken. Organische Formen als Muster ohne Größenrelation fordern die Vorstellungskraft der BetrachterInnen.


_______________
ANDREW RINKHY



Der Versuch zu verstehen was im anbrechenden Zeitalter von Internet und Robotisierung auf individueller und zwischenmenschlicher Ebene aus dem Menschen wird – neben zahlreichen Vorteilen, Probleme mit denen die Menschheit nie zuvor konfrontiert war.
 
Was werden Menschen in einer Welt ohne Arbeit tun?
Welchen Einfluss wird implantierte Technologie auf menschliche Interaktionen haben?
Werden Berührungen für Sex noch nötig sein?
Werden Gefühle noch im Unterbewusstsein gebildet?


_____________
CHRISTINA TSILIDIS


Choreografie (und) ins Chaos ?

Wohin führt das streben nach Optimierung (Digitalisierung–Automatisierung –Globalisierung) in einer Konsum und Leistungsgesellschaft die Menschen?

Aus dem Verlangen nach Perfektion = absolute Ordnung resultiert meistens das Chaos. Wie wird das Scheitern der nun globalisierten Gesellschaft, Konzerne die nach Automatisierung streben sich beim Menschen darstellen?

Libussa 0/1

Der Monolog aus dem Drama Libussa geschrieben von Grillparzer wurde in das Binärsystem des Computers übersetzt, dann mit einzelnen Stempeln und Acrylfarbe auf die Leinwand übertragen.

Der Text aus dem 19 Jh. ist auch gegenwärtigsehr aktuell.

Rahmenbedingung

Ballettaufwärmübungen-(fake) dienen zur Konzentrationsoptimierung.

Das klassische Ballett gilt im Tanzbereich als Maßstab zur absoluten Perfektion.

Je schneller die Bewegung im Video, desto stärker die digitale Wahrnehmung.

Es handelt sich um das immer wiederkehrende Abwiegen zwischen Ordnung und Chaos,

da das Eine ja ohne das Andere nicht bestehen kann.


–––––––––––––
STEPHAN SCHWARZ


„Weil ich die Menschen noch nicht kannte. Ich werde nie mehr glauben, was sie sagen, was sie denken. Vor den Menschen, vor ihnen allein muss man Angst haben, immer.“

Louis-Ferdinand Cèline


Ego Silikon